Illustration is not a byproduct

Was mit Zeichen und Typografie vom Menschen ausgedrückt und interpretiert werden kann, ist gerade im letzten Jahrhundert gewaltig gewachsen und wächst mit Ikonen, Symbolen, Logos, Infografiken, Emojis und Memes, um nur einige zu nennen kontinuierlich weiter. Was als Identifikation mit Maske und Schmuck eines Tiers an der Person selbst begann (siehe https://absurdistan.ch/site/2021/02/lowenmensch-und-maske), hat sich in seinen Zeichen, der Antike (z.B. Alt-Ägyptisches Alphabet) über die Kennzeichnung von Familien und Stammbäumen, resp. Adelshäuser mit Wappen im Mittelalter bis heute fortgesetzt und weiter abstrahiert. Eine Schrift versuchte hervorzuheben, wie aus komplexen Daten reine Magie werden kann: Marie und Otto Neurath widmeten ihr Leben mit der Gründung des Isotype-Instituts im Jahr 1941 der Vision, Informationen rein visuell begreifbar zu machen.

Hinter dem Namen Isotype verbirgt sich ein internationales System der bildhaften Erziehung, das Otto in den 1920er-Jahren ins Leben rief. Nach seinem frühen Tod führte Marie dieses Erbe über drei Jahrzehnte lang fort und wurde zur Pionierin einer kindgerechten Wissensvermittlung, deren Einfluss bis heute spürbar ist.

Visualisierte Verhältnismässigkeit

Bei Gesprächen unter Bekannten kommen manchmal auch politische Themen auf, wobei die Meinungen diametral auseinander liegen können, aber alle Beteiligten nur glauben, die Fakten dargelegt zu haben. Man fragt sich dann, woran das liegt – so geschehen beim Thema zur Finanzierung der Mobilität in der Schweiz. Im konkreten Gespräch ging es um die Behauptung, dass der Öffentliche Verkehr fast gesamthaft “subventioniert” wird (resp. durch die öffentliche Hand/Steuerzahler finanziert wird), dem gegenüber der private Verkehr sich fast gänzlich selber finanzieren würde (insb. Mineralölsteuern/Strassenverkehrsfonds). So gesehen würden alle Nutzer des Privatverkehrs den Schienenverkehr querfinanzieren, da diese ja neben den allgemeinen Steuern keine Abgaben wie Mineralölsteuern entrichten. Dass dies nicht stimmt, war mir bereits vor Jahren bewusst. Doch der Blick in die visualisierten Zahlen vom Bundesamt für Statistik macht das Auffinden der Tatsachen seit Jahren schwierig bis unmöglich.

Mappaemundi – von Weltkarten und Weltanschauungen

Julia Mia Stirnemann, Juliamia Grafik, www.juliamia.ch, 2018

Dieses bemerkenswerte Buch ist noch nicht mal auf Perlentaucher.de vorgestellt worden: Die Dissertation von Julia Mia Stirnemann ‘Über Projektionen: Weltkarten und Weltanschauungen – Von der Rekonstruktion zur Dekonstruktion, von der Konvention zur Alternative’, 2018 stellt die Karten der Welt als Projektion der menschlichen Sicht und Vor-Stellungen auf die Welt dar und bringt damit die geometrische Darstellung auf einer Fläche und den psychologischen Begriff des gedanklichen Bildes einer Vorstellung, Erwartung, Illusion eigener Gefühle und Wünsche in Zusammenhang (siehe Bedeutung Punkt [2] und [3] auf https://de.wiktionary.org/wiki/Projektion). Projektion als «Projiezierte Welten» – da scheint die Autorin ‘Die Welt als Wille und Vorstellung’ anhand von spezifischen Aspekten von Karten einprägsam zu erklären. Empfehlung: unbedingt lesenswert, eine spannendes Arbeit und Dissertation, die nicht nur das kartografische Fachpublikum begeistert und auch die Möglichkeit für eigene Experimente bietet.

Verlagsseite/Download/Bestellung: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4611-5/ueber-projektionen-weltkarten-und-weltanschauungen/
Das Buch ist Creative Commons Attribution 4.0 lizensiert und steht als PDF frei zur Verfügung.

Weitere Links, Karten und Dekonstruktionen von Julia Stirnemann:

Verrückte Mathematiker

Für Jahrzehnte wurde Lewis Carrolls Alice im Wunderland mit der gerade aufkommenden Psychoanalyse um Sigmund Freud interpretiert.

Ein Artikel von Melanie Bayley aus dem Jahre 2009 schlägt nun aber vor, die Geschichte hinter dem Autoren-Pseudonym von Mathematiker Charles Dodgson etwas anders zu lesen. Sie schreibt, dass dieser die moderne Zunft seiner Mathematikerkollegen, insbesondere die mit dem neuen Konzept der Komplexen Zahlen und damit der Imaginären Zahl i (i2 = −1) auf die Schippe nehmen wollte:

https://www.newscientist.com/article/mg20427391-600-alices-adventures-in-algebra-wonderland-solved/